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Gedanken zum 82. Jahrestag der Reichspogromnacht am 9. November 1938

Gedanken zum 82. Jahrestag der Reichspogromnacht am 9. November 1938

Sehr geehrte Damen und Herren,

heute vor 82 Jahren, vom 9. auf den 10. November 1938, brannten in Deutschland die Synagogen. Sie brannten im gesamten Deutschen Reich. Am 9. November 1938 setzten organisierte Schlägertrupps jüdische Geschäfte und Gotteshäuser in Brand. Es ist der Tag, an dem tausende Juden misshandelt, verhaftet oder getötet wurden. Insgesamt sterben infolge des Novemberpogroms 1938 in Deutschland mehr als 1.300 Menschen, rund 30.000 Jüdinnen und Juden werden verhaftet oder in Konzentrationslager verschleppt. Die Judenverfolgung erreichte mit der Reichspogromnacht eine neue Dimension. Spätestens an diesem Tag konnte jeder in Deutschland sehen, dass Antisemitismus, Rassismus und Mord staatlich gewollt waren.

Die Reichspogromnacht war das offizielle Signal zum größten Völkermord in Europa. Sie stellt einen vorläufigen Höhepunkt der Judenverfolgung im nationalsozialistischen Deutschland dar, die ihren schrecklichen Höhepunkt im Holocaust fand.
Auch in Kamen grölten die Massen auf dem Marktplatz „Juda Verrecke“. Mitten in der Stadt und für alle wahrnehmbar, wurden Scheiben wurden eingeworfen und Wohnungen geplündert. Der Jude Richard Meyer wurde derart zugerichtet, dass er den Transport ins KZ nicht überlebte. Insgesamt fast 60 Menschen jüdischen Glaubens aus Kamen wurden während der NS-Zeit ermordet; ungefähr 50 konnten sich durch Emigration retten. Diese Ereignisse machen fassungslos und traurig zugleich.
Die Verbrechen haben sich vor 82 Jahren zugetragen, doch sie sind auch wieder nahe. Am Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, hat im vergangenen Jahr ein Mann in Halle versucht, Menschen jüdischen Glaubens zu ermorden. Ebenfalls im vergangenen Jahr wurde der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke aus vermutlich rechtsextremistischen Motiven ermordet.

Rat und Verwaltung der Stadt Kamen entsetzt es, dass diese menschenverachtenden und brutalen Taten heute immer noch bzw. wieder möglich sind. Es ist unbegreiflich, dass Verachtung, Bereitschaft zu Gewalt und Hass gegen Minderheiten immer noch gegenwärtig sind offen gezeigt werden können. Es ist eine Entwicklung, die auch viele Bürgerinnen und Bürger mit Ängsten und Sorgen erfüllt.

Jeder von uns aufgefordert ist, alles dafür zu tun, die Verbreitung von Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zu verhindern. Wir müssen uns fragen, was wir dem Hass entgegensetzen können, damit sich dieser nicht noch einmal wiederholt. Und wir dürfen nicht aufhören, Antworten zu geben, indem wir uns erinnern, nicht vergessen sowie gegenseitiges Verständnis und Toleranz zum selbstverständlichen Prinzip unseres Handelns machen.
Das gilt für unser Miteinander vor Ort ebenso wie die Beziehungen zu unseren Freunden in der ganzen Welt. Es liegt in unserer Hand, Werte wie Nähe, Toleranz, Verständnis und Offenheit täglich vorzuleben. Der Austausch mit Menschen anderer Kulturen, Nationalitäten und Staaten verbindet und schafft Vertrauen. Doch verstehen können wir nur, wenn wir offen sind. Das müssen wir auch in Zukunft sein.

Ich denke in diesen Tagen häufig an unsere Freundinnen und Freunde in unseren Partnerstädten. Mit Eilat in Israel haben wir in diesem Jahr das 40jährige Bestehen unserer Städtepartnerschaft gefeiert. Die Partnerschaft hat für Kamen eine tiefe Bedeutung im Blick auf die Aussöhnung vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte. Unsere vielen freundschaftlichen Beziehungen sind eine wichtige Grundlage, das gegenseitige Verständnis zu sichern und zu vertiefen.
Die heutige Kranzniederlegung im kleinen Kreis ersetzt nicht das gemeinsame Gedenken, wie wir es aus den vergangenen Jahren kennen. Die Corona-Pandemie zwingt uns zu Distanz, um uns nicht gegenseitig zu gefährden. Lassen Sie uns deshalb in Gedanken solidarisch sein und Verantwortung zeigen. Und lassen Sie uns unsere Demokratie nicht von denen zerstören, die die Vernunft in Zweifel ziehen.

Ich danke Ihnen.

Elke Kappen,
Bürgermeisterin der Stadt Kamen