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Bewegende Begegnung mit Zeitzeugin Stefania Wernik: Schülerinnen und Schüler in Kamen hörten die Geschichte eines Lebens, das in Auschwitz begann

24.03.2026 - aktualisiert am 24.03.2026 - 15:54

Bewegende Begegnung mit Zeitzeugin Stefania Wernik: Schülerinnen und Schüler in Kamen hörten die Geschichte eines Lebens, das in Auschwitz begann

Ein stiller, eindringlicher Moment lag über der Konzertaula Kamen, als um die 400 Schülerinnen und Schüler von Gesamtschule, Gymnasium und Hauptschule einer Frau begegneten, deren Lebensgeschichte auf erschütternde Weise mit einem der dunkelsten Kapitel der Geschichte verbunden ist: Stefania Wernik, die 1944 im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau geboren wurde, berichtete in der Konzertaula per Live-Schalte aus Krakau von ihrem Schicksal und dem ihrer Mutter. Begleitet und übersetzt wurde das Gespräch von Dr. Magdalena Jackowska-Göbel, die Besuchergruppen durch das ehemalige Konzentrationslager führt.

„Ich wurde Anfang November 1944 in Auschwitz-Birkenau geboren, meine Lagernummer ist 89136.“ Ein kurzer Satz, der nicht ansatzweise beschreiben kann, was Stefania Wernik und ihre Mutter im Konzentrationslager erlebt haben. In eindrucksvoller Weise schilderte sie die Umstände, unter denen ihre Mutter nach Auschwitz deportiert wurde. Diese war kurz nach ihrer Heirat und zu Beginn ihrer Schwangerschaft bei einer Straßenkontrolle festgenommen worden. Im Lager war sie dem täglichen Terror ausgeliefert: Kälte, Hunger, Schläge, ein entwürdigender Umgang und die ständige Angst vor dem Tod prägten den Alltag der inhaftierten Frauen. Die Erinnerungen daran belasteten ihre Mutter bis an ihr Lebensende — und wirken bis heute auch in Stefania Wernik nach.
Besonders erschütternd waren die Schilderungen rund um ihre Geburt im Lager. Werniks Mutter hatte die Schwangerschaft zunächst geheim gehalten, weil im Lager geborene Kinder zuvor oft unmittelbar getötet wurden. „Meine Mutter wog bei meiner Geburt kaum mehr als 28 Kilogramm. Es ist ein Wunder, dass wir diese Hölle überlebt haben.“ Die hygienischen und medizinischen Bedingungen waren katastrophal. Nicht selten waren die Ohren der Babys von Ratten angebissen, aus Mündern und Nasen krochen Würmer. Werniks Mutter war nach der Geburt zu schwach, um ihr Kind selbst zu betreuen. Sie übergab ihre Essensrationen einer anderen Frau, damit diese sich um Stefania kümmerte. Doch dem Baby blieb das grausame Wirken der Nazis nicht erspart: Auch Stefania brachte man zum berüchtigten Lagerarzt Dr. Mengele, der selbst mit Neugeborenen medizinische Experimente durchführte. Werniks Mutter berichtete, dass Stefania stundenlang schrie und sich nach diesen Besuchen beim Lagerarzt nur schwer beruhigen ließ.
Dass die heute 81-Jährige die Monate bis zur Befreiung überlebte, lässt sich kaum erklären. Stefania Wernik selbst spricht immer wieder von einem Wunder. Viele Details über ihre eigene Geburt im Konzentrationslager erfuhr sie erst viele Jahre später – denn ihre Mutter konnte, wie viele andere Überlebende, lange Zeit nicht über das erlebte Grauen sprechen.
Die Atmosphäre in der Konzertaula war von großer Betroffenheit geprägt. Einige Schülerinnen und Schüler nutzen am Ende die seltene Möglichkeit, einer noch lebenden Zeitzeugin Fragen zu stellen. Die Frage, ob Stefania Wenik die aktuelle Lage in Europa Angst mache, bejahte diese sichtlich berührt: Sie habe große Angst davor, dass sich die schreckliche Geschichte noch einmal wiederholen könnte.
Am Ende dankten Bürgermeisterin Elke Kappen und die Anwesenden Stefania Wernik mit langem Beifall für ihren Mut, ihre eigene Geschichte und die ihrer Mutter mit jungen Menschen zu teilen. Was bleibt, ist eine starke und eindringliche Botschaft der Zeitzeugin: „Seid wachsam und lasst euch nicht von Ideologien täuschen. Nie wieder Faschismus. Nie wieder Entwürdigung von Menschen und Völkermord.“